Autor: Irène Kälin (Seite 1 von 2)

Mütter sind keine Exotinnen!

Ich bin eine junge #Mutter wie jede andere. Ich stille meinen kleinen Sohn, wie das tausende andere junge Mütter tun. Ich bin politisch aktiv, wie viele andere. Aber als junge Mutter bin ich im #Bundeshaus eine Exotin, obwohl es eigentlich nichts unexotischeres gibt als Eltern-Sein.

Das zeigt, dass Frauen und junge Eltern in der #Politik noch immer untervertreten sind und das Bundeshaus und die Sitzungszeiten auf vieles abgestimmt sind – zum Beispiel auf Parlamentarier, die aus der ganzen Schweiz anreisen – aber nicht auf Familien-Parlamentarier_innen. Die dreiwöchigen Sessionen mit ihren langen Tagen sind nicht familienfreundlich. Das wunderschöne Bundeshaus hat zwar ein Raucherzimmer, kennt aber weder ein Spielzimmer, noch ein Wickelzimmer (obwohl man mir umgehend ein Wickelzimmer im Sanitätszimmer eingerichtet hat auf Nachfrage, was ich sehr zu schätzen weiss). Es gibt nicht einmal eine Bundeshaus-#Kita und das obwohl es unter den hunderten von Bundesangestellten viele #Mütter und #Väter hat und es sicher auch Journalistinnen und Parlamentarier gibt, die froh wären, wenn sie während den langen Sitzungstagen ihren Nachwuchs ausnahmsweise mal im Bundeshaus betreuen lassen könnten.

Deshalb braucht es nicht nur mehr #Job-Sharing im Beruf, mehr #Teilzeitstellen für Männer, mehr #Frauen und #Eltern mit kleinen Kindern in den Chefetagen, sondern es braucht auch ganz einfach mehr Frauen im Bundeshaus. Dann beschleunigt sich endlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, verringert sich der Fachkräftemangel und kriegen Eltern auch in der Schweiz eine #Elternzeit, damit sie sich die #Rollen innerhalb der #Familie so einteilen können, wie es für sie stimmt. Und dann sind wir Mütter auch im Bundeshaus keine Exotinnen mehr.

 

Das Problem des Parlaments mit der 1. und 2. Klasse

IMG_2539Es geht mir weder um die Abschaffung der 1. Klasse, noch geht es darum meinen Ratskolleg_innen im National und Ständerat das Fahren in der 1. Klasse zu verbieten. Nein, es geht mir einzig darum, dass wir Parlamentarier_innen mit einem 2. Klass-GA als Reisepauschale zufrieden sein sollten.

Der Grund dafür ist ein einfacher. Während das 1. Klass-GA ein klarer Luxus ist, erfüllt ein GA 2. Klasse denselben Zweck und ist erst noch kostengünstiger. Und als Parlamentarierinnen, die immer wieder auch von unserer Bevölkerung verlangen einen Sparbeitrag zum Wohle aller zu leisten, ist es nicht mehr als anständig und recht, wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen. Wir sind die Vetreter_innen unserer Bevölkerung und sollten uns nicht auf deren Kosten Privilegien leisten, die wir uns auch selber bezahlen können, sie sich aber vielleicht nicht. Wer behauptet ein GA 1. Klasse sei kein Luxus, der hat wahrlich keine Ahnung wie Arbeitehmende landauf und landab leben und reisen.

Das Büro unseres Rates gibt in seiner ablehnenden Begründung zu meiner Motion folgende Stellungnahme ab: «Dass den Ratsmitgliedern ein GA erster Klasse vergütet wird, ist weder ein Luxus noch ein Privileg. Der Grund dafür ist vielmehr, dass viele Ratsmitglieder die Reisezeit dazu nutzen, im Zug zu arbeiten, was in der zweiten Klasse wegen der dichteren Belegung und dem höheren Lärmpegel schwieriger ist.»

Ich muss schon sehr bitten! Was glauben das Büro denn, was die Pendlerinnen und Pendler in der 2. Klasse morgens und abends tun? Die meisten Pendler_innen, die arbeitshalber pendeln, nutzen ihre Reisezeit dazu im Zug zu arbeiten und wie ich aus Erfahrung weiss, tun sie das – all den damit verbundenen Widrigkeiten zum Trotz – auch in der 2. Klasse. Student_innen lernen für Prüfungen, schreiben Vorträge und lesen Fachzeitschriften. Buchhalter_innen füllen Exeltabellen aus, Professor_innen bereiten Prüfungen vor, Lehrer_innen korrigieren Prüfungen, eine Vielzahl von Fachkräften und Unternehmer_innen bereiten Sitzungen- vor und nach, telefonieren mit ihren Kund_innen und Lieferant_innen. Ja selbst Arztsekretär_innen teilen den Patient_innen mit, dass bei der Darmspiegelung keine besonderen Resultate zu Tage befördert wurden. Und das alles ist möglich trotz dichterer Belegung und dem höheren Lärmpegel. Konzentration ist keine Frage des Komforts.

Und auf jenen Strecken, wo es zeitweise weniger Sitzplätze als arbeitswillige Pendeler_innen hat, ist es doch eine wertvollere Erfahrungen mit jenen mitzustehen, die man als Parlamentarierin vertritt, als in der 1. Klasse die Füsse von sich zu strecken.

Warum aber alle Parlamentarier_innen verärgern nur weil Irène Kälin ein 2. Klass-GA will? Ich kann ja, wie richtig festgehalten wird, die Pauschale beziehen, ein 2. Klasse-GA kaufen, 2. Klasse fahren und habe erst noch Geld übrig, weil ein GA 2. Klasse selbst ohne Bundesvergünstigungen weniger kostet als die Pauschale für das nichtbezogene 1. Klass-GA. Ich zitiere nochmals unser Büro: «Es wäre aus Sicht des Büros aber nicht angebracht, alle Ratsmitglieder mit einem GA zweiter Klasse auszustatten, nur weil einzelne Ratsmitglieder kürzere oder weniger frequentierte bzw. ruhigere Bahnreisestrecken haben oder den Zug nicht als Arbeitsort nutzen.» Ich halte das auch nicht für angebracht nur wegen mir. Ich denke das wäre angebracht gegenüber all jenen Arbeitnehmenden – einer Mehrheit der Pendler_innen – die tagtäglich in den mehr oder weniger überfüllten 2. Klassabteils unserer Züge ihren Tag vor- oder nachbereiten. Dagegen sind selbst diejenigen unter uns, die 3 Kommissionen haben, wenig unterwegs. Und ja mir ist bewusst, dass es unter uns Parlamentarier_innen gibt, die einen sehr weiten Reiseweg nach Bundesbern haben, aber mit Verlaub, wer länger als 3 Stunden pro Weg unterwegs ist, der reist automatisch nicht nur zu Stosszeiten, wer aber täglich die Strecke Lausanne – Bern, Winterthur – Basel, St. Gallen – Zürich, Aarau – Brig oder Neuenburg – Nyon pendelt, der oder die sitzen und arbeiten morgens und abends, bis zu 5 Tage die Woche in Abteilen unserer Züge mit dichterer Belegung und höherem Lärmpegel. Ihnen gegenüber ist ein GA 1. Klasse eindeutig ein Luxus und ich sehe nicht ein, wieso diese Menschen mir das Arbeiten und Reisen in weniger lärmigen und weniger dichter belegten Abteilen einer besseren Klasse bezahlen sollten, wenn sie es sich selber nicht leisten können.

Ich freue mich auf ein Wiedersehen im klassenlosen Speisewagen. Zur Überraschung des Büros, das uns als arbeitssame Bienen beschreibt, ist mir dort doch schon die eine oder der andere Parlamentarier_in bei einem Bier und der damit verbundenen Schwerstarbeit zu Gesicht gekommen.

 

Zum 1. Mai 2018 – zum eintägigen Schandfleck der Schweizer Familienpolitik, genannt Vaterschaftsurlaub

IMG_2507Lohngleichheit. Punkt. Schluss! So lautet das diesjährige 1. Mai-Motto: Lohngleichheit – Punkt – Punkt – Punkt – Schluss – Ausrufezeichen. Das tönt geradezu so, als wäre alles bereits gesagt. Lohngleichheit: Ja klar, die steht ja schon seit Ewigkeiten in der Verfassung. Daran gibt es nichts zu rütteln. Punkt. Männer und Frauen sollen für gleichwertige Arbeit den gleichen Lohn erhalten. Denn die Verfassung ist bindend. Für alle. So einfach ist das. Schluss. Ausrufezeichen!

Aber mit diesem 1.Mai-Motto ist etwas faul. Ich sage ja auch nicht Prost – erst recht nicht mit Ausrufezeichen – wenn es nichts zu trinken gibt. Und es gibt nun Mal keine Lohngleichheit. Da nützt es auch nichts, dass sie seit 37 Jahren in der Verfassung verankert ist. Nichts Punkt. Nichts Schluss. Und nichts Ausrufezeichen. Im Gegenteil. Lohnungleichheit soweit das Auge reicht. Und dann hängt diese Lohnungleichheit auch noch mit dem Geschlecht zusammen. Mit diesem kleinen Unterschied, mit dem die Probleme erst so richtig anfangen.

Jedes Mal, wenn ich irgendwo über die Geschlechterungerechtigkeit fluche oder in einer Rede erwähne, dass es doch eine Schande ist, dass Frauen im Jahr 2018 in der wohlhabenden und fortschrittlichen Schweiz noch immer massiv weniger verdienen als Männer, kommt am Schluss ein Mann zu mir und bemängelt, dass das immer alles so auf die Frauen fokussiert ist. Glaubt mir, liebe Männer, mich frustriert das auch. Wäre das nicht so, dann gäbe es keinen geschlechterbedingten Lohnunterschied, sondern nur gut und schlecht bezahlte Arbeit. Und das wäre wahrlich schon Unterschied genug. Nur gibt es leider beides. Schlecht bezahlte Arbeit und geschlechterbedingte Lohnunterschiede.

Aber heute nehme ich mir diese Kritik trotzdem zu Herzen. Sprechen wir also über Vaterschaftsurlaub. Oder über diesen einen Tag. Über diesen einen Tag «Vaterschaftsurlaub» und das obwohl in der Regel bereits die Geburt des Kindes länger dauert. Da gibt Jesus einiges mehr her und das obwohl er nicht einmal Vater war. Aber er ist noch heute gut darin uns hie und da einen arbeitsfreien Tag zu schenken, ja sogar mehrere am Stück. Aber der Start ins Familienleben ist offenbar gleichbedeutend mit einem Umzug: Für beides gibt es einen Tag frei. Das konnte ich lange nicht verstehen, aber seit einem verheerenden Interview weiss ich nun, wieso wir offenbar nur einen Tag Vaterschaftsurlaub brauchen. Denn ein Interview mit zwei bürgerlichen Politikerinnen zum Thema «Mütter im Bundeshaus» hat mir die Augen geöffnet und mir klar gemacht wie schwer es die Initiative für 4 Wochen Vaterschaftsurlaub haben wird und wie unglaublich notwendig sie zugleich wäre, insbesondere für all jene, die sich am vehementesten dagegen wehren.

Ich sitze also mit den Nationalrätinnen und Müttern Ruth Humbel und Andrea Geissbühler im Pressezimmer des Bundeshauses und wir streiten uns über den Sinn und Zweck von Krippenplätzen, darüber ob Müttern arbeiten dürfen, sollen, müssen oder nicht und wieso es weniger Frauen als Männer in der Politik hat. Wenig überraschend soweit. Doch dann fragt die Journalistin nach dem längst überfälligen Vaterschaftsurlaub, der seinen Namen einigermassen verdient, nach diesem kleinen eintägigen Schandfleck in der Familienpolitik. Da sagt eine meiner Gesprächspartnerinnen, dass sie die ersten Wochen zwar wichtig und schön finde, dass sie aber glaube, dass Kinder ihre Väter eigentlich vor allem in der Teenagerzeit brauchen würden. Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf. Zudem dachte ich immer zu einem traditionellen Familienbild würde auch der Vater gehören und zwar von Anfang an. Habe ich da wohl was falsch verstanden? Da doppelt bereits meine zweite Gesprächspartnerin nach und führt aus, dass Kinder zu Beginn sehr viel schlafen würden, so dass die anfallenden Arbeiten gut von der Mutter alleine bewältigt werden könne. Später aber, wenn die Kinder älter seien, würden sie dann auch den Vater brauchen. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Nun schaut mich die Journalistin erwartungsvoll an für ein Statement von meiner Seite. Aber mir brennt nur eine Frage auf der Zunge: Braucht es überhaupt Väter? Und wenn ja, ab wann denn genau? Dass es bei dieser Ausgangslage keinen Vaterschaftsurlaub braucht, scheint auf alle Fälle unbestritten. Kann Frau ja alles selber machen. Nur weil die ersten Tage offenbar schön sind, muss der Chef dem Mann und Vater auf alle Fälle nicht frei geben. Sonst hätten wir ja aller immerzu frei, weil es noch schön wäre.

Seit dieser Episode verstehe ich die Männer, die zu mir kommen um zu beanstanden, dass man bei Gleichstellungsthemen nicht immer von der Frau aus denken sollte. Ihr habt recht!

Gleichstellung ist keine Einbahnstrasse und Gleichstellung beginnt ganz sicher nicht erst in den Teenagerjahren genauso wenig wie ein Vater erst ab den Teenagerjahren seiner Kinder Vater wird. Bleibt daran zu erinnern, dass Väter zwar tatsächlich schlecht stillen können und des Gebärens bisher unfähig geblieben sind, aber sonst können Väter doch schon unmittelbar nach der Geburt ihres Kindes so einiges.

Väter können ihr Kind baden,

Väter können ihrem Kind den Hintern pudern,

die Nabelschnur mit Tinktur betupfen,

frische Windeln umbinden und alte entsorgen,

Kleider aus- und anziehen,

den Schoppen wärmen,

den Schoppen geben,

den Kinderwagen herumfahren,

das Kind herumtragen, wenn es Magenkrämpfe hat,

das Kind herumtragen, wenn es weint,

das Kind herumtragen, wenn es nicht schlafen kann

das Kind herumtragen, wenn es schläft.

Selbstverständlich ist die Reihenfolge dabei frei und nicht abschliessend und wird in der Regel öfters wiederholt in nicht vorhersehbarer Abfolge.

Vor diesem Hintergrund sollte längst unbestritten sein, dass der Vaterschaftsurlaub nicht nur eine Chance für die ganze Familie ist und der Startpunkt für eine freiere Rollenverteilung und eine grosse Entlastung für Mütter, sondern auch eine grosse Befreiung für unsere Gesellschaft unsere bürgerlichen Vorstellungen hinter uns zu lassen und selber zu bestimmen, wie wir uns Arbeits- und Freizeit aufteilen wollen – mit und ohne Kinder, als homo- und heterosexuelle Familien, als Patchworks, als Singles, als Geschiedene und Unverheiratete. Eine freiere Rollenverteilung bedeutet unabhängig von unserem Geschlecht und unseren Vorlieben die gleichen Freiheiten zu haben.

Deshalb bin ich überzeugter denn je, dass es dringend mehr Vaterschaftsurlaub braucht, viel mehr. Und ich bin überzeugt, dass ihn insbesondere jene brauchen, die sich heute vehement gegen mehr Vaterschaftsurlaub aussprechen. Gleichberechtigung ist nur dann möglich, wenn wir den Humbels und Geissbühlers in unserem Land mehr Vaterschaftsurlaub schenken! Und hier setzte ich nun gerne ein Ausrufezeichen!

Schutz der Bevölkerung oder der AKW?

DU8fHJnWAAACGB8Was passiert, wenn eine Schülerin den 4er Notendurchschnitt Ende Schuljahr nicht erreicht? Sie muss nachsitzen und die Prüfungen wiederholen, im schlimmsten Fall sogar ein ganzes Schuljahr. Es käme niemandem in Sinn, dass die Bildungsdirektion – auf Antrag des Lehrers – plötzlich für alle den Durchschnitt auf 3 herabsetzen würde, um die betroffene Schülerin in die nächste Klasse zu befördern.

Im Atomenergiebereich ist das offenbar ganz anders als in der Schule.  Eine krasse Verwässerung der Kernenergieverodnung – „Senkung des Notendurchschnittes“ – soll zurzeit das Atomkraftwerk Beznau – „die ungenügende Schülerin“ – vor dem Aus retten. Obwohl man guten Glaubens davon ausgehen durfte, dass eine Note 4 das Minimum ist.

Im Nachgang der Fukushima-Katastrophe von 2011 ordnete das ENSI – „der Lehrer“ – eine Prüfung aller Atomkraftwerke in Bezug auf die Erdbebensicherheit an. Dabei zeigte sich: Manche Anlageteile des AKW Beznau – „der Schülerin“ – würden versagen und unzulässige Mengen Radioaktivität freisetzen. Weil die Aufsichtsbehörde ENSI die Strahlenschutz­bestimmungen aber falsch anwendet, lässt sie den Weiterbetrieb von Beznau zu, anstatt eine Ausserbetriebnahme und Nachrüstungen – „das Nachsitzen“ – zu verordnen. Man lässt also eine ungenügende Note für eine 4 durchgehen.

Weil das nicht nur absurd, sondern eine Gefahr für Mensch und Umwelt ist, leiteten AnwohnerInnen von Beznau, unterstützt von mehreren Umweltorganisationen, 2015 rechtliche Schritte ein und verlangten, dass das ENSI seinen damaligen Entscheid als widerrechtlich korrigiert. Was unweigerlich zur sofortigen Abschaltung von Beznau führen würde.

Das „Beznau-Verfahren“ läuft seit 2015 und ist zurzeit beim Bundesverwaltungsgericht hängig. Obwohl das Gericht noch kein Urteil gefällt hat, ist der Bund – „die Bildungsdirektion“ – nun im Begriff, die gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen so abzuschwächen, dass Beznau die Prüfung auch vor Gericht bestehen würde. Entsprechend hat er am 10. Januar eine Teilrevision von drei Verordnungen im Kernenergie-Bereich in die Vernehlmassung geschickt – neu soll der Notendurchschnitt für alle gesenkt werden.

Wir sind empört!

  • Über dasVorgehen, das elementare Grundsätze des Rechtstaats missachtet
  • Über die Konsequenzen, denn die Anpassungen, wie sie in der Vernehmlassung vorgeschlagen werden, würden eine massive Erhöhung des nuklearen Risikos für die Bevölkerung und Umwelt bedeuten.
  • Über den Vertragsbruch, den der Bundesrat und speziell Doris Leuthard begeht, Während dem Abstimmungskampf zur Atomausstiegsinitiative hat sie noch partout versicherte, wir hätten in der Schweiz eine klare Gesetzgebung und eine kompetente nukleare Aufsichtsbehörde, und heute – gut ein Jahr später – will sie hinterhältig die gesetzlichen Bestimmungen zur nuklearen Sicherheit weitgehend abschwächen.

Die Bevölkerung austricksen und erst noch gefährden, damit das uralte AKW Beznau nicht endlich stillgelegt werden muss? Das geht gar nicht. Wir wehren uns vehement gegen die Verwässerung der Sicherheitsbestimmungen für Schweizer AKW und fordern den Bundesrat auf im Namen der Bevölkerung, der Umwelt und der Rechtsstaatlichkeit, auf die geplante Revision zu verzichten.

 

Unsere Gesellschaft ist sexistisch!

Wieder einmal ist Sexismus nach den Berichten über die sexuellen Belästigungen von CVP-Nationalrat Yannick Buttet in aller Munde. Das ist gut so, denn das Thema muss enttabuisiert werden – auch wenn mir die Diskussion, wer unter den Berühmtheiten schon von wem angegrapscht wurde und wer nicht, eigentlich auf den Wecker geht. Aber was mir noch mehr auf den Wecker geht, ist, dass mir schon in meiner ersten Woche im Bundeshaus  geraten wird, „dass ich mich als junge Frau vorsehen müsse“.

Wieso um alles in der Welt soll ich mich vorsehen? Das erinnert mich an Diskussionen, in welchen man gerügt wird, wenn der Minirock zu kurz ist. So als wäre man mitschuldig an sexueller Belästigung, wenn der Rock eine gewisse Kürze unterschreitet. Irr. Doch es erinnert mich an das Grundproblem: unsere Gesellschaft ist sexistisch.

Nicht nur der auf die Brüste starrende Chef, der freizüngige Arbeitskollege oder die frauenverachtende Werbung ist sexistisch, sondern auch der geschlechterbedingte Lohnunterschied von 20% zwischen Mann und Frau. Auch Verwaltungsräte ohne Frauen sind sexistisch, genauso wie die Zuschreibung von typischen Stereotypen und Rollenbildern. Das Militär bleibt eine sexistische Institution auch wenn Frauen heute Dienst leisten dürfen. Das zeigt sich in der Rollenteilung zwischen Mann und Frau, die dieser Institution zu Grunde liegt. Für weitere Geschlechter bleibt im Falle des Militärs sowieso keinen Platz. Kindergärtnerin ist ein sexistischer Beruf – egal wie man ihn heute nennt – denn er ist unterbezahlt und wird überdurchschnittlich von Frauen ausgeübt. Wer sagt, wie Frauen zu sein haben, ist ein Sexist und wer es nur denkt, ebenfalls. Dass wir zu wenig Frauen in Führungspositionen haben und Frauen in der Politik noch immer untervertreten sind, ist nicht zuletzt eine Folge des Sexismus.

Sexismus ist Diskriminierung, Erniedrigung und Geringschätzung aufgrund des Geschlechts. In der Regel geht es dabei um das weibliche Geschlecht. Sexismus ist die systematische Diskriminierung der Frau in der Gesellschaft und scheint leider genauso renitent zu sein wie Rassismus im Generellen.Auch im Bundeshaus.

Im Grunde ist jeder und jede ein Sexist und eine Sexistin, der oder die es hinnimmt, dass ich mit Schnauz 20% mehr verdiene als ohne Schnauz.

Vor diesem Hintergrund wird auch klar, wo wir den Sexismus bekämpfen müssen. Es scheint mir ungeeignet, nur die strafrechtlich relevanten Auswüchse des Sexismus an den Pranger zu stellen und das Problem des Sexismus auf grapschende Chefs und schmierige Aussagen von Kollegen zu reduzieren. Denn diese sind nur die Spitze des Eisbergs, die oft bereits dem Feld der sexuellen Gewalt zuzuordnen sind und damit den Sexismus an sich überschreiten und als kriminelle Handlungen gewertet und verfolgt werden müssen. Was einfacher gesagt als getan ist. Denn solange Betroffene von sexueller Gewalt zu Opfer stigmatisiert werden, ist es wenig erstaunlich, dass sexuelle Belästigung und Gewalt oft nicht angezeigt wird. Das muss sich ändern

Ich will mich nicht vorsehen. Ich wünsche uns den Mut hinzustehen und sexuelle Gewalt vorbehaltlos zu melden und sexuelle Belästigung laut und deutlich zu benennen. Das braucht Mut. Denn es gibt noch immer viele, die glauben, dass ein Mann, der Frauen sexuell belästigt, ein „geiler Siech“ ist und eine Frau, die sexuell belästigt wurde, entweder eine „Schlampe“ oder „verklemmt“ ist. Das ist falsch. Aber dieser Missstand ändert sich nur, wenn wir hinstehen und das Problem benennen und dem Sexismus den Kampf ansagen.

Gehört der Islam zur Schweiz?

An dieser Frage entzündet sich die Schweiz. Dabei ist die Frage doppelt falsch und führt zu dummen Antworten, meint die neue Nationalrätin Irène Kälin (Grüne). Mit ihr zieht erstmals eine Religionswissenschaftlerin und Islamspezialistin ins eidgenössische Parlament ein. Gestern in Bern vereidigt, heute schon in unserm Blog.

Erstens kann man nicht darüber befinden, ob etwas dazugehört, das längst da ist. Selbstverständlich gehören unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger dazu. Sie sind längst Teil der Schweiz.

Zweitens gibt es DEN Islam nicht. Religionen sind niemals ein Singular und entstehen letztlich erst durch die Menschen, welche eine Religion leben. Das Phänomen Islam ist plural und heterogen wie alle religiösen Phänomene.

Die Politik bringt uns in Teufels Küche

Seit Jahren macht die SVP polemische Politik auf dem Rücken von Minderheiten, die Muslime eignen sich dazu besonders. Denn seit auch Alice Schwarzer den Islam als den Quell des patriarchalen Übels identifiziert hat und sich Journalisten wie Frank A. Meyer zu selbsternannten Islamkritikern im Namen der Frauenrechte gemausert haben, verhärten sich die Vorurteile gegen Muslime. Auch die CVP ist unter der Federführung von Gerhard Pfister auf den islamophoben Zug aufgesprungen und hat im Zuge einer ausgrenzenden Wertedebatte befunden, dass der Islam nicht zur Schweiz gehöre.

Nun erhebt zwar der Parteipräsident der SP die Gegenstimme. Mit einer Roadmap für einen Schweizer Islam wirbt er für die Anerkennung des Islams. Das ist zunächst  erfreulich und gleicht einem Befreiungsschlag. Aber bei genauem Hinsehen wird mir auch da etwas flau in der Magengrube.

Was soll ein Schweizer Islam sein? Offenbar hat es etwas mit einer modernen Auslegung des Korans zu tun. Nun, es wäre mir neu, dass der religionsneutrale Staat den Inhalt oder die Auslegung einer Religion vorwegnimmt.

Wenn ich darüber nachdenke, was ein Schweizer Islam sein soll, dann bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten, es sei denn, die SP will uns wirklich in Teufels Küche schicken. Entweder handelt es sich beim Schweizer Islam um den Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS), denn einen schweizerischeren Islam kann ich mir kaum vorstellen als einer, der von Schweizer Konvertiten gepredigt wird. Eine andere Möglichkeit ist, dass mit dem Schweizer Islam das gemeint ist, was hier lebende Muslime als ihren Glauben praktizieren und leben, die Vielfalt des Islams in der Schweiz. Nur braucht es dann keine Roadmap, denn diese Vielfalt ist schon Realität.

Nun, die Debatte um den Islam scheint verrannt. Entweder werden die Muslime missbraucht, um diskriminierende Ausgrenzungspolitik zu betreiben, oder sie werden als Gegenspieler einer vermeintlichen christlichen Kultur dargestellt. Der angekündigte Befreiungsschlag der SP, der auf den ersten Blick so gut tönt, lässt bei genauem Hinsehen daran zweifeln, ob wir damit nicht die religiöse Neutralität unseres Staates aufs Spiel setzen.

Man stelle sich nur vor, wir müssten ein Schweizer Christentum definieren. Wäre das dann die Hetze des katholischen Bischofs Huonder gegen Geschlechtergerechtigkeit, oder eher der Kampf für Gerechtigkeit des reformierten Pfarrers Sieber oder doch die christkatholische Kirche, die auf Schweizer Boden gewachsen ist?

Wir kennen ein gutschweizerisches Rezept

Dabei sollten wir als Schweiz, von jeher ein Land der Minderheiten, wissen, wie wir als Land von Minderheiten zusammenleben. Mit der öffentlich-rechtlichen Anerkennung haben wir dazu ein Instrument, das sich in der Vergangenheit bewährt hat. Mit der Anerkennung – so unpassend der Name sein mag, da Anerkennung nichts ist, worum man ersuchen müssen sollte – wurde im Zuge des Sonderbundkriegs das friedliche Zusammenleben zwischen Katholiken und Protestanten gesichert. Mit der Anerkennung wurde später in einigen Kantonen der jüdischen Gemeinschaft ein Platz in der Gesellschaft zugestanden. Ich sehe keinen Grund, das Modell der Kooperation zwischen Staat und Religion nicht auf weitere religiöse Traditionen auszudehnen.

Einfach gesagt gehört der Islam zur Schweiz und es bleibt zu hoffen, dass er in seiner Vielfalt Anerkennung findet. Man stelle sich vor, man würde den christlichen Denominationen sagen, sie müssten sich auf eine einzige Schweizer Version des Christentums festlegen!

Selbstverständlich liegt es an uns, Regeln zu definieren, die eine Religionsgemeinschaft, so sie anerkannt werden will, erfüllen muss, so wie wir das bei den bereits anerkannten Religionsgemeinschaften auch gemacht haben. Das hat mit der Auslegung des Korans aber genauso wenig zu tun, wie mit der Lesart der Bibel. Ein freiheitlicher Staat muss es aushalten, dass jemand seine Religion so interpretiert, dass eine Frau aus religiöser Überzeugung ein Kopftuch, eine Perücke oder eine Haube trägt.

Transparenz und Rechtsstaatlichkeit stehen nicht im Widerspruch zu einer orthodoxen Auslegung religiöser Quellen – und das gilt für alle religiösen Traditionen gleichermassen.

Was belibt 5 Jahre nach Fukushima?

Japan hat die Atomkatastrophe längst nicht bewältigt. Rund 8000 Arbeiter sind ständig im Einsatz um die Atomruine unter Kontrolle zu bringen. Tausende von Menschen leben noch immer in temporären Unterkünften, tausende von Menschen leiden nicht nur an Entwurzelung, sondern vor allem an den Folgen der vielerorts noch viel zu hohen radioaktiven Strahlung. Die Strassenränder sind gesäumt von schwarzen Säcken mit verseuchten Sträuchern und Erde. Wohin damit? Niemand scheint es zu wissen. Dabei versucht das offizielle Japan zu vergessen.Die drittgrößte Industrienation, so scheint es, entwickelt fast schon Routine dabei, nukleare Katastrophen zu vergessen und zu verdrängen. Doch wer Berichte aus Fukushima liest oder die Bilder sieht, der weiss, dass es kein schnelles Vergessen geben kann, weder für die Menschen noch für die Umwelt.

Shoganai, sagen die Japaner_innen dazu – „das lässt sich nicht ändern“, „das muss man erdulden“.Shoganai ist ein oft benutzen Wort, auch im normalen Leben. Doch seit sich der unsichtbare radioaktive Schleier über das Land gelegt hat, ist rund um Fukushima alles Shoganai.

Während Japan noch Jahrzehnte damit beschäftig sein dürfte, die Atomruine in Fukushima abzuwracken und einen Anschein von Normalität zu erzeugen, stellt sich für uns weiterhin die Frage ob wir Lehren aus Fukushima gezogen haben oder noch ziehen werden? Oder schliessen wir uns dem lähmenden Shoganai-Gefühl an?

Als ich vor 5 Jahren kurz nach dem atomaren Supergau im Namen der  Grünen unseren Sorgen und unserem Entsetzen Ausdruck verlieh, hiess es wir ökologischen Parteien würden populistisch versuchen vom Fukushima-Effekt zu profitieren. Doch was hat der Fukushima-Effekt gebracht? Dass vergangene Woche die 1000. Mahnwache vor dem Ensi stattfinden musste, weil es bei uns eben kein Fukushimaeffekt gegeben hat?

Konsequenzen aus „Fukushima“, so scheint es, haben andere gezogen: allen voran die deutsche Kanzlerin, die nur wenige Monate nach der Katastrophe in Japan die Energiewende ausrief. Und bei uns? Die Alt-AKW Beznau sind mit ihren 47 resp. 45 Betriebsjahren eine Riesengefährdung für unsere Region und die ganze Schweiz, ähnlich wie die AKW Fukushima in Japan vor dem 11. März 2011 und die bürgerliche Politik verhindert bislang nicht nur einen geordneten Ausstieg und eine schweizerische Energiewende sondern verwehrt sich auch einem Langzeitkonzept mit konkreten Auflagen.

Gleichzeitig erleben wir gerade in diesen Tagen real mit, dass eine Energiewende auf Sparflamme nicht zündet. Das Alpiq-Grounding zeigt: Atomstrom rentiert nicht mehr. Jahrelang hat man mit Dreckstrom dank viel zu tiefen Stilllegungskosten Geld verdient, nun da es sich nicht mehr rechnet, sollen die Atommeiler in die Hände der Bürger_innen übergeben werden nach dem Motto: Verluste sozialisieren, Gewinne privatisieren.

Weltweit explodieren die Investitionen in alternative Energien. Der Aargau aber diskutiert statt investiert. Dadurch haben wir den Anschluss verpasst, dabei waren gerade wir, der Energiekanton Aargau, noch vor 30 Jahren führend in Energiefragen und könnten es auch heute sein.

Alpiq ist tief in den roten Zahlen, die Axpo auf dem Weg nach unten. Damit nicht nur die Verluste sozialisiert werden, sondern die Energiewende konsequent umgesetzt wird, fordern wir eine demokratische Kontrolle über die Politik der Energiekonzerne und einen geordneten Atomausstieg der heute mit Beznau I beginnt und 2029 mit Leibstatt endet. Wenn wir weiter abwarten und ähnlich der Japanischen Regierung zu vergessen versuchen, dann spielen wir nicht nur mir der ständigen Gefahr eines atomaren Umfalls, sondern verpassen auch die Chance für unsere energiewirtschaftliche Zukunft.

Velobahnen statt Autobahnen

Die Schweiz hat tausende von Kilometern wunderbarer Radwege. Für den Freizeitradfahrer. Für Ausflügler. Für Familien. Für Sportlerinnen. Durch Täler und auf Hügeln, jenseits der der Städte, vorbei an Dörfern kann man unser schönes Land auf zwei Rädern durchqueren. Man kann 100 km weit fahren und am Abend doch nur 20 km Luftlinie vom Ausgangspunkt aus landen. Das ist schön, aber nicht nützlich, wenn man auf direktem Weg von A nach B kommen will. Diese Radrouten sind eine touristische Meisterleistung, leisten aber keinen Beitrag dazu, dass der Veloverkehr auch im Alltag funktionieren kann.
Ich habe als Jugendliche meine Ferien mit Freunden radelnd im schönen Jura verbracht. Hügel rauf. Hügel runter. Quer über Felder. Wunderschön. Am Abend waren wir 15 Autobahnkilometer vom Ausgangspunkt  entfernt obwohl unsere Pobacken wund waren und wir mehr als 80 km und 800 Höhenmeter zurückgelegt hatten. Für Ferien ideal, fürs tägliche Leben unbrauchbar.FullSizeRender

Der Schweiz fehlt ein Alltagsvelonetz. Velobahnen. Durchgehende Velostreifen und Sicherheit in den Städten. Direktverbindungen für Radfahrerinnen von A nach B. Wenn wir das Verkehrsproblem der Schweiz lösen wollen, dann müssen wir endlich die Velofahrer im Strassenverkehr bevorzugen. Ampelanlagen so programmieren, dass sie sich nach den Velofahrern ausrichten, Velobahnen bauen, welche die Städte mit den Agglomerationen verbinden und Stadt mit Stadt verbinden. Velobahnen hin zu den Ausbildungsstätten und zu den Bahnhöfen. Die Schweiz braucht nicht mehr Autobahnen, die Schweiz braucht mehr Velobahnen.

Wahre Heimatliebe ist grün.

Inserat 1Mir stink der unmenschliche Diskurs, der den heissen Sommer menschlich kalt macht. Mir stinkt es, dass man von Heimatliebe spricht und im gleichen Satz fordert, dass das Asylrecht abgeschafft oder zumindest eingeschränkt werden soll. Mir stinken Stimmen, welche brüllen, dass das Boot voll sei, während die überfüllten Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer kentern und Menschenleben für immer verstummen.

Für mich gehören das Asylrecht und ein wertschätzender Umgang mit unseren ausländischen Mitbürger_innen zur Kultur der Schweiz. Heimatliebe bedeutet nicht nur stolz zu sein auf die eigene Kultur und Tradition, sondern auch anderen eine Heimat zu geben, insbesondere denen, welche keine eigene Heimat mehr haben.

Hilfsbereitschaft, Solidarität und Menschlichkeit sind grundlegende Pfeiler unserer Kultur und Tradition. Wer an diesen Pfeilern rütteln will, schadet der Schweiz.

Grüne Heimatliebe bedeutet immer auch Menschlichkeit.

Gleichstellung bedeutet weniger Anzüge

Zugegeben, manchmal wäre ich wirklich gerne ein Mann. Nicht nur, weil ich dann alleine auf Grund des Geschlechts rund 18% mehr Lohn verdienen würde für dieselbe Arbeit, nein auch deswegen, weil Männer immer Anzüge tragen dürfen und damit immer richtig liegen. Zur Klarstellung: ich finde Anzüge zwar durchaus hie und da chic, im Grunde aber die schrecklichste, unpraktischste und langweiligste Kleidung der Welt. Sie sehen zwar alle gleich aus, diese grauen, dunkelblauen und schwarzen Herren, wenn sich die „classe politique“ trifft, aber sie liegen immer richtig – im Ratssaal wie am Apéro und müssen nie eine Frage dazu beantworten wieso sie immer dasselbe tragen. Sie sind nie underdressed und nie overdressed. Ein Anzug ist nie ein Symbol für emanzipiert oder frigide, für modisch oder altmodisch. Und unter einem Anzugträger kann man in einer Bildlegende nie schreiben „extravagant“, „gewagt“ oder „unvorteilhaft“. Obwohl es durchaus wünschenswert wäre, wenn mehr Anzugträger auch extravagante Kombinationen wagen würden, wenn sie gewagt auch einmal den Anzug weglassen würden und natürlich sehen viele Anzugträger unvorteilhaft aus, nur haben wir uns alle so sehr an dieses Bild gewöhnt und die Masse der Anzugträger ist dermassen gross, dass es kaum noch bemerkt wird, dass der Anzug nicht sitzt, dass der Anzug nicht passt, dass der Anzug unvorteilhaft geschnitten ist. Unter einem Anzug kann man sogar die grössten Modesünden begehen und ein Kurzarmhemd verstecken. Ein Anzug kaschiert alles, mitunter sogar die Persönlichkeit, welche den Anzug trägt. Und trotzdem ist der Anzug die perfekte Arbeitskleidung des Politikers. Damit verstösst er nie gegen die Kleidervorschriften in Ratssälen und nach der Fernsehsendung bekommt er keine Mails, die ihn darauf aufmerksam machen, dass seine Kleidung keinen Gefallen gefunden hat.

IreneKaelinDoppelIch aber als Frau werde im Ratssaal gerügt, wenn bei sommerlichen Temperaturen meine Schultern zu sehen sind und wenn ich mit einem Statement im Fernsehen ausgestrahlt werde, dann bekomme ich danach wenig Rückmeldungen zu dem was ich gesagt habe, dafür viele zu dem was ich getragen habe .Wenn ich an einem feministischen Anlass ein kurzes Schwarzes trage, dann finden das manche einen Affront gegenüber den emanzipierten Werten, wenn ich zum Apéro in Jeans erscheine dann bin ich underdressed und wenn ich im Abendkleid zum Apéro fahre, dann bin ich während der gesamten Reise overdressed. Wenn ich gelb trage, dann ist das „extravagant“, wenn ich zuviel Bein zeige, dann ist das „gewagt“ und wenn ich keine Modelmasse haben, dann sieht fast alles was ich trage „unvorteilhaft“ aus.

Ja, es würde sich ökonomisch auszahlen ein Mann zu sein und einen dieser Anzüge zu tragen, die alle uniformieren und gleichmachen. Gleichstellung sieht aber anders aus. Gleichstellung ist Freiheit. Die Freiheit, unabhängig vom Geschlecht, denselben Lohn zu verdienen und unabhängig vom persönlichen Kleidungsstil beurteilt zu werden. Gleichstellung bedeutet weniger Anzüge.

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