Wieder einmal ist Sexismus nach den Berichten über die sexuellen Belästigungen von CVP-Nationalrat Yannick Buttet in aller Munde. Das ist gut so, denn das Thema muss enttabuisiert werden – auch wenn mir die Diskussion, wer unter den Berühmtheiten schon von wem angegrapscht wurde und wer nicht, eigentlich auf den Wecker geht. Aber was mir noch mehr auf den Wecker geht, ist, dass mir schon in meiner ersten Woche im Bundeshaus  geraten wird, „dass ich mich als junge Frau vorsehen müsse“.

Wieso um alles in der Welt soll ich mich vorsehen? Das erinnert mich an Diskussionen, in welchen man gerügt wird, wenn der Minirock zu kurz ist. So als wäre man mitschuldig an sexueller Belästigung, wenn der Rock eine gewisse Kürze unterschreitet. Irr. Doch es erinnert mich an das Grundproblem: unsere Gesellschaft ist sexistisch.

Nicht nur der auf die Brüste starrende Chef, der freizüngige Arbeitskollege oder die frauenverachtende Werbung ist sexistisch, sondern auch der geschlechterbedingte Lohnunterschied von 20% zwischen Mann und Frau. Auch Verwaltungsräte ohne Frauen sind sexistisch, genauso wie die Zuschreibung von typischen Stereotypen und Rollenbildern. Das Militär bleibt eine sexistische Institution auch wenn Frauen heute Dienst leisten dürfen. Das zeigt sich in der Rollenteilung zwischen Mann und Frau, die dieser Institution zu Grunde liegt. Für weitere Geschlechter bleibt im Falle des Militärs sowieso keinen Platz. Kindergärtnerin ist ein sexistischer Beruf – egal wie man ihn heute nennt – denn er ist unterbezahlt und wird überdurchschnittlich von Frauen ausgeübt. Wer sagt, wie Frauen zu sein haben, ist ein Sexist und wer es nur denkt, ebenfalls. Dass wir zu wenig Frauen in Führungspositionen haben und Frauen in der Politik noch immer untervertreten sind, ist nicht zuletzt eine Folge des Sexismus.

Sexismus ist Diskriminierung, Erniedrigung und Geringschätzung aufgrund des Geschlechts. In der Regel geht es dabei um das weibliche Geschlecht. Sexismus ist die systematische Diskriminierung der Frau in der Gesellschaft und scheint leider genauso renitent zu sein wie Rassismus im Generellen.Auch im Bundeshaus.

Im Grunde ist jeder und jede ein Sexist und eine Sexistin, der oder die es hinnimmt, dass ich mit Schnauz 20% mehr verdiene als ohne Schnauz.

Vor diesem Hintergrund wird auch klar, wo wir den Sexismus bekämpfen müssen. Es scheint mir ungeeignet, nur die strafrechtlich relevanten Auswüchse des Sexismus an den Pranger zu stellen und das Problem des Sexismus auf grapschende Chefs und schmierige Aussagen von Kollegen zu reduzieren. Denn diese sind nur die Spitze des Eisbergs, die oft bereits dem Feld der sexuellen Gewalt zuzuordnen sind und damit den Sexismus an sich überschreiten und als kriminelle Handlungen gewertet und verfolgt werden müssen. Was einfacher gesagt als getan ist. Denn solange Betroffene von sexueller Gewalt zu Opfer stigmatisiert werden, ist es wenig erstaunlich, dass sexuelle Belästigung und Gewalt oft nicht angezeigt wird. Das muss sich ändern

Ich will mich nicht vorsehen. Ich wünsche uns den Mut hinzustehen und sexuelle Gewalt vorbehaltlos zu melden und sexuelle Belästigung laut und deutlich zu benennen. Das braucht Mut. Denn es gibt noch immer viele, die glauben, dass ein Mann, der Frauen sexuell belästigt, ein „geiler Siech“ ist und eine Frau, die sexuell belästigt wurde, entweder eine „Schlampe“ oder „verklemmt“ ist. Das ist falsch. Aber dieser Missstand ändert sich nur, wenn wir hinstehen und das Problem benennen und dem Sexismus den Kampf ansagen.