IMG_2507Lohngleichheit. Punkt. Schluss! So lautet das diesjährige 1. Mai-Motto: Lohngleichheit – Punkt – Punkt – Punkt – Schluss – Ausrufezeichen. Das tönt geradezu so, als wäre alles bereits gesagt. Lohngleichheit: Ja klar, die steht ja schon seit Ewigkeiten in der Verfassung. Daran gibt es nichts zu rütteln. Punkt. Männer und Frauen sollen für gleichwertige Arbeit den gleichen Lohn erhalten. Denn die Verfassung ist bindend. Für alle. So einfach ist das. Schluss. Ausrufezeichen!

Aber mit diesem 1.Mai-Motto ist etwas faul. Ich sage ja auch nicht Prost – erst recht nicht mit Ausrufezeichen – wenn es nichts zu trinken gibt. Und es gibt nun Mal keine Lohngleichheit. Da nützt es auch nichts, dass sie seit 37 Jahren in der Verfassung verankert ist. Nichts Punkt. Nichts Schluss. Und nichts Ausrufezeichen. Im Gegenteil. Lohnungleichheit soweit das Auge reicht. Und dann hängt diese Lohnungleichheit auch noch mit dem Geschlecht zusammen. Mit diesem kleinen Unterschied, mit dem die Probleme erst so richtig anfangen.

Jedes Mal, wenn ich irgendwo über die Geschlechterungerechtigkeit fluche oder in einer Rede erwähne, dass es doch eine Schande ist, dass Frauen im Jahr 2018 in der wohlhabenden und fortschrittlichen Schweiz noch immer massiv weniger verdienen als Männer, kommt am Schluss ein Mann zu mir und bemängelt, dass das immer alles so auf die Frauen fokussiert ist. Glaubt mir, liebe Männer, mich frustriert das auch. Wäre das nicht so, dann gäbe es keinen geschlechterbedingten Lohnunterschied, sondern nur gut und schlecht bezahlte Arbeit. Und das wäre wahrlich schon Unterschied genug. Nur gibt es leider beides. Schlecht bezahlte Arbeit und geschlechterbedingte Lohnunterschiede.

Aber heute nehme ich mir diese Kritik trotzdem zu Herzen. Sprechen wir also über Vaterschaftsurlaub. Oder über diesen einen Tag. Über diesen einen Tag «Vaterschaftsurlaub» und das obwohl in der Regel bereits die Geburt des Kindes länger dauert. Da gibt Jesus einiges mehr her und das obwohl er nicht einmal Vater war. Aber er ist noch heute gut darin uns hie und da einen arbeitsfreien Tag zu schenken, ja sogar mehrere am Stück. Aber der Start ins Familienleben ist offenbar gleichbedeutend mit einem Umzug: Für beides gibt es einen Tag frei. Das konnte ich lange nicht verstehen, aber seit einem verheerenden Interview weiss ich nun, wieso wir offenbar nur einen Tag Vaterschaftsurlaub brauchen. Denn ein Interview mit zwei bürgerlichen Politikerinnen zum Thema «Mütter im Bundeshaus» hat mir die Augen geöffnet und mir klar gemacht wie schwer es die Initiative für 4 Wochen Vaterschaftsurlaub haben wird und wie unglaublich notwendig sie zugleich wäre, insbesondere für all jene, die sich am vehementesten dagegen wehren.

Ich sitze also mit den Nationalrätinnen und Müttern Ruth Humbel und Andrea Geissbühler im Pressezimmer des Bundeshauses und wir streiten uns über den Sinn und Zweck von Krippenplätzen, darüber ob Müttern arbeiten dürfen, sollen, müssen oder nicht und wieso es weniger Frauen als Männer in der Politik hat. Wenig überraschend soweit. Doch dann fragt die Journalistin nach dem längst überfälligen Vaterschaftsurlaub, der seinen Namen einigermassen verdient, nach diesem kleinen eintägigen Schandfleck in der Familienpolitik. Da sagt eine meiner Gesprächspartnerinnen, dass sie die ersten Wochen zwar wichtig und schön finde, dass sie aber glaube, dass Kinder ihre Väter eigentlich vor allem in der Teenagerzeit brauchen würden. Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf. Zudem dachte ich immer zu einem traditionellen Familienbild würde auch der Vater gehören und zwar von Anfang an. Habe ich da wohl was falsch verstanden? Da doppelt bereits meine zweite Gesprächspartnerin nach und führt aus, dass Kinder zu Beginn sehr viel schlafen würden, so dass die anfallenden Arbeiten gut von der Mutter alleine bewältigt werden könne. Später aber, wenn die Kinder älter seien, würden sie dann auch den Vater brauchen. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Nun schaut mich die Journalistin erwartungsvoll an für ein Statement von meiner Seite. Aber mir brennt nur eine Frage auf der Zunge: Braucht es überhaupt Väter? Und wenn ja, ab wann denn genau? Dass es bei dieser Ausgangslage keinen Vaterschaftsurlaub braucht, scheint auf alle Fälle unbestritten. Kann Frau ja alles selber machen. Nur weil die ersten Tage offenbar schön sind, muss der Chef dem Mann und Vater auf alle Fälle nicht frei geben. Sonst hätten wir ja aller immerzu frei, weil es noch schön wäre.

Seit dieser Episode verstehe ich die Männer, die zu mir kommen um zu beanstanden, dass man bei Gleichstellungsthemen nicht immer von der Frau aus denken sollte. Ihr habt recht!

Gleichstellung ist keine Einbahnstrasse und Gleichstellung beginnt ganz sicher nicht erst in den Teenagerjahren genauso wenig wie ein Vater erst ab den Teenagerjahren seiner Kinder Vater wird. Bleibt daran zu erinnern, dass Väter zwar tatsächlich schlecht stillen können und des Gebärens bisher unfähig geblieben sind, aber sonst können Väter doch schon unmittelbar nach der Geburt ihres Kindes so einiges.

Väter können ihr Kind baden,

Väter können ihrem Kind den Hintern pudern,

die Nabelschnur mit Tinktur betupfen,

frische Windeln umbinden und alte entsorgen,

Kleider aus- und anziehen,

den Schoppen wärmen,

den Schoppen geben,

den Kinderwagen herumfahren,

das Kind herumtragen, wenn es Magenkrämpfe hat,

das Kind herumtragen, wenn es weint,

das Kind herumtragen, wenn es nicht schlafen kann

das Kind herumtragen, wenn es schläft.

Selbstverständlich ist die Reihenfolge dabei frei und nicht abschliessend und wird in der Regel öfters wiederholt in nicht vorhersehbarer Abfolge.

Vor diesem Hintergrund sollte längst unbestritten sein, dass der Vaterschaftsurlaub nicht nur eine Chance für die ganze Familie ist und der Startpunkt für eine freiere Rollenverteilung und eine grosse Entlastung für Mütter, sondern auch eine grosse Befreiung für unsere Gesellschaft unsere bürgerlichen Vorstellungen hinter uns zu lassen und selber zu bestimmen, wie wir uns Arbeits- und Freizeit aufteilen wollen – mit und ohne Kinder, als homo- und heterosexuelle Familien, als Patchworks, als Singles, als Geschiedene und Unverheiratete. Eine freiere Rollenverteilung bedeutet unabhängig von unserem Geschlecht und unseren Vorlieben die gleichen Freiheiten zu haben.

Deshalb bin ich überzeugter denn je, dass es dringend mehr Vaterschaftsurlaub braucht, viel mehr. Und ich bin überzeugt, dass ihn insbesondere jene brauchen, die sich heute vehement gegen mehr Vaterschaftsurlaub aussprechen. Gleichberechtigung ist nur dann möglich, wenn wir den Humbels und Geissbühlers in unserem Land mehr Vaterschaftsurlaub schenken! Und hier setzte ich nun gerne ein Ausrufezeichen!